Projekt - Friedrich Wilhelm Kücken

Gemeinsam mit Herrn Dr. Reinhard Wulfhorst und dem Schweriner Notenverlag „Editon Massonneau“ arbeiten wir seit dem Frühjahr 2020 an einem lokalen Projekt zu den Männerchorkompositionen von Friedrich Wilhelm Kücken.

Friedrich Wilhelm Kücken war einer der bekanntesten Liederkomponisten der Romantik, ist aber seitdem von den Konzertpodien weitgehend verschwunden. Ebenso beliebt waren seine Kompositionen für Männerchöre. Diese entdecken wir, in Zusammenarbeit mit dem Musikverleger Dr. Reinhard Wulfhorst, in Bibliotheken und Archiven im In- und Ausland und möchten sie für verschiedene Konzertprogramme aufbereiten. Da Friedrich Wilhelm Kücken einen großen Teil seiner musikalischen Laufbahn in Schwerin verbrachte und ihm die musikalische Arbeit mit jungen Künstlern sehr am Herzen lag, freuen wir uns einen Beitrag zu der sich seit einigen Jahren andeutenden Kücken-Renaissance zu leisten. Gerade die Arbeit mit unerhörten Werken in der heutigen Szene der Männerchöre ist für uns eine große Ehre.

Friedrich Wilhelm Kücken (Neue Musik-Zeitung, Mai 1882)

Vita Friedrich Wilhelm Kücken 

Friedrich Wilhelm Kücken wurde 1810 in Bleckede bei Lüneburg geboren. Sein Vater, der letzte Scharfrichter des Ortes und begeisterter Flötespieler, führte ihn schon früh in den häuslichen Kammermusikkreis ein. Erste Kompositionsversuche in Gestalt von Tänzen und kleineren Klavierstücken folgten. Auf Drängen seines Onkels, des Schweriner Musikdirektors und Schlossorganisten Friedrich Lührss, ging Kücken mit 15 Jahren in die mecklenburgische Residenzstadt, um Unterricht in Generalbass, Flöte, Violine und Klavier zu nehmen. Kücken spielte in einem Orchester zunächst Flöte, später dann Bratsche und Geige. 

Mit seinen Kompositionen, darunter das Lied Ach wie wär’s möglich dann, erregte er die Aufmerksamkeit des Großherzogs Paul Friedrich und dessen Frau Alexandrine, die ihm den Klavierunterricht ihrer Kinder anvertrauten. Seit dieser Zeit genoss Kücken das besondere Wohlwollen des großherzoglichen Hauses, das er sich bis an sein Lebensende erhielt. 1832 begann er mit einem herzoglichen Stipendium in Berlin Komposition und Gesang zu studieren. Er unterrichtete in angesehenen Kreisen Klavier und Gesang und errang erste große Erfolge als Liederkomponist. 1841 ging er zum weiteren Kontrapunkt- Studium nach Wien zu Simon Sechter. Auslöser für den plötzlichen Ortswechsel war ein gesellschaftlicher Eklat: Wenige Tage vor der geplanten Hochzeit mit einer Tochter aus bestem Hause fand deren Familie den gesellschaftlich geächteten Beruf von Kückens längst verstorbenem Vater heraus; die Verlobung wurde aufgelöst. Nach einer Zwischenstation in der Schweiz entschloss sich Kücken 1844, seine Musikstudien in Paris fortzusetzen (u.a. Instrumentationslehre bei Fromental Halévy). Er entwickelte eine engere Verbindung zu Heinrich Heine, der ihm einmal einige Gedichte zum Vertonen mit folgendem Anschreiben übersandte: »Liebes Kücken! Ich lege Ihnen hier einige Eier unter, gackeln Sie nicht zu lange darauf, und lassen Sie bald von sich hören. Ihr H. Heine«.

Während dieser Pariser Zeit komponierte Kücken seine Oper Der Prätendent, die 1847 in Stuttgart erfolgreich uraufgeführt wurde. Aufenthalte in Berlin, Hamburg und Schwerin wechselten sich ab, bis Kücken 1851 am Stuttgarter Hoftheater die Stelle des zweiten Kapellmeisters neben Peter Joseph von Lindpaintner antrat. Als Dirigent, der noch nie vor einem Orchester gestanden hatte, machte er offenbar nicht immer eine glückliche Figur. Große Anerkennung erwarb er sich aber durch seine gesangs-pädagogische Arbeit mit Solosängern und Chor. Nach dem Tod von Lindpaintner wurde Kücken sein Nachfolger. 1861 nahm er seinen Abschied in Stuttgart, um als freischaffender Künstler nach Schwerin zurückzukehren. Er komponierte weiter rege und bereicherte das musikalische und gesellschaftliche Leben der Landeshauptstadt, wo er 1882 starb. Da seine Ehe kinderlos geblieben war, vermachte er einen beträchtlichen Teil seines Vermögens – darunter sein Wohnhaus am Schweriner Pfaffenteich – der nach ihm benannten Stiftung, die bis 1939 »mittellose musikalische Talente, Componisten, Lehrer, Sänger, Solaspieler irgendeines Instrumentes« unterstützte.

Das Zentrum von Kückens kompositorischem Schaffen bilden seine zahlreichen Lieder, mit denen er zu Lebzeiten in ganz Europa und Amerika große Beliebtheit erlangte und die in viele Sprachen übersetzt wurden. Sie reichen vom klavierbegleiteten Sololied bis zum Chorwerk. Sein Erfolgsrezept waren leichte und eingängige, teils volksliedhafte Melodien. Dazu bekannte Kücken unumwunden, dass »ich bei meinen Compositionen besonders Rücksicht nehme … für das große Publikum zu schreiben«. Daneben entstanden kürzere Orchesterwerke und eine Reihe von Instrumentalwerken für Klavier und kleinere Klammermusikbesetzungen (Sonaten und Trios).

Schwerin, November 2014 Dr. Reinhard Wulfhorst